Dieser Herr und sein Bericht über Japan haben mich die letzten Wochen in Form einer Hausarbeit intensiv beschäftigt, deshalb sei ihm auch hier ein Platz gegönnt, bevor die Knochen wieder verbuddelt werden.
Weniger von Abenteuer- oder Reiselust, als von den Folgen des Dreißigjährigen Kriegs getrieben, verschlug es den 39jährigen Lemgoer nach einer ausgedehnten Fahrt durch Persien, Indien und Batavia (Java) 1690 nach Japan. Die Holländer bzw. ihre Handelskompanie VOC waren zu der Zeit die einzigen in Japan geduldeten Europäer – portugiesische und spanische Missionare, die im 16. Jahrhundert recht erfolgreich waren, letztendlich aber eine zu große Gefahr für die innenpolitische Ordnung waren, hatte man schon 50 Jahre zuvor des Landes verwiesen. Die unverdächtig protestantischen Holländer waren wie die japanischen Partner eher an Geschäften mit China, Batavia und Korea interessiert als an politischer oder religiöser Dominanz. Ein kleines Häuflein Holländer hauste bis zum späteren 19. Jahrhundert, als Japan sich dem Westen wieder aktiv annäherte, auf der kleinen, Nagasaki vorgelagerten Insel Deshima – bewacht, bespitzelt und verwaltet von einem riesigen bürokratischen Apparat an Dolmetschern, der u.a. verhindern sollte, dass sich Europäer die japanische Sprache oder sonstiges Wissen zu Japan aneignen – die Angst vor christlicher Unterwanderung blieb groß.
Engelbert Kaempfer war 2 Jahre als Arzt auf Deshima tätig und dank seiner guten Beziehung zu seinen Dolmetschern beschaffte er sich allerlei verbotenes Textmaterial, betrieb botanische Studien und sammelte ein Vielfalt an Informationen. Zurück in Europa gelangte sein Bericht nach einer einigermaßen verwickelten Editionsgeschichte in verbreiteten Umlauf und hatte großen Einfluss auf die Wissenschaften der europäischen Aufklärung und mangels neuer Informationen fast 100 Jahre lang auch auf die Wahrnehmung Japans in Europa. Spuren seines Berichts „Heutiges Japan“ finden sich u.a. bei Voltaire, Kant, Lessing und Swift.
Besonders die japanische Abschließungspolitik, die Kaempfer als Garant für die „Glükseligkeit“ des japanischen Volkes verteidigte, machte Karriere als Projektionsfläche: Im durch die Konfessionskriege zerrissenen Europa in ihrer Stabilität und Ordnung zunächst noch Vorbild, mit wachsendem europäischem (bürgerlichen) Selbstbewusstsein und Fortschritt gegen Ende des 18. Jahrhunderts dann Negativbeispiel für Despotie und Stillstand. Auch das bis heute nachwirkende Klischee vom nachahmenden Japaner stammt aus dieser Zeit: Trotz Kaempfers differenzierter ethnischer Beschreibung des japanischen Volks, will man im „aufgeklärten“ Europa, das sich China zeitweilig zu Vorbild genommen hat, von einer zweiten asiatischen „Hochkultur“ nichts wissen – Japan wird schnell zu einem Zweig der chinesischen Kultur degradiert, Gemeinsamkeiten als japanische „Nachahmungen“ der chinesischen Kultur interpretiert. Der von den Fortschritten der Außenwelt abgeschnittene Japaner kann nicht vorankommen, sondern sich seine Errungenschaften lediglich abschauen.
Besonders bemerkenswert fand ich die Tatsache, dass Kaempfers Informationen nur durch maßgebliche und recht gefahrvolle Hilfe seiner japanischen Kontakte (oder deren geflissentliches Wegschauen) zustande kam. Auch Japan interessierte sich nämlich für die europäischen Anschaungsobjekte auf Deshima: Die Zeit von Kaempfers Aufenthalt dort markiert den Beginn einer jahrzehntelangen, intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit europäischer Medizin, Technik und Pharmazeutik. Das Japan von den Entwicklungen der übrigen Welt „abgeschnitten“ sein sollte, erfuhr es erst im 19. Jahrhundert durch die japanische Übersetzung von Kaempfers Japanbericht.
Populärer könnte Engelbert Kaempfer heute vielleicht sein, hätte nicht Goethe dafür gesorgt, dass der Ginkgo-Baum u.a. dank der bedichteten Exemplare im Weimarer Ilmpark in Europa aus (geistes)geschichtlicher Perspektive zumeist mit ihm in Verbindung gebracht wird: Kaempfer war der erste, der eine detaillierte Beschreibung und Zeichnung dieses Baumes nach Europa gebracht hat – auf ihn geht auch der Schreibfehler zurück, der aus „Ginkjo“ „Ginkgo“ machte.


