3. Januar 2012

Engelbert Kaempfer: „Heutiges Japan“

Dieser Herr und sein Bericht über Japan haben mich die letzten Wochen in Form einer Hausarbeit intensiv beschäftigt, deshalb sei ihm auch hier ein Platz gegönnt, bevor die Knochen wieder verbuddelt werden.

Weniger von Abenteuer- oder Reiselust, als von den Folgen des Dreißigjährigen Kriegs getrieben, verschlug es den 39jährigen Lemgoer nach einer ausgedehnten Fahrt durch Persien, Indien und Batavia (Java) 1690 nach Japan. Die Holländer bzw. ihre Handelskompanie VOC waren zu der Zeit die einzigen in Japan geduldeten Europäer – portugiesische und spanische Missionare, die im 16. Jahrhundert recht erfolgreich waren, letztendlich aber eine zu große Gefahr für die innenpolitische Ordnung waren, hatte man schon 50 Jahre zuvor des Landes verwiesen. Die unverdächtig protestantischen Holländer waren wie die japanischen Partner eher an Geschäften mit China, Batavia und Korea interessiert als an politischer oder religiöser Dominanz. Ein kleines Häuflein Holländer hauste bis zum späteren 19. Jahrhundert, als Japan sich dem Westen wieder aktiv annäherte, auf der kleinen, Nagasaki vorgelagerten Insel Deshima – bewacht, bespitzelt und verwaltet von einem riesigen bürokratischen Apparat an Dolmetschern, der u.a. verhindern sollte, dass sich Europäer die japanische Sprache oder sonstiges Wissen zu Japan aneignen – die Angst vor christlicher Unterwanderung blieb groß.

Engelbert Kaempfer war 2 Jahre als Arzt auf Deshima tätig und dank seiner guten Beziehung zu seinen Dolmetschern beschaffte er sich allerlei verbotenes Textmaterial, betrieb botanische Studien und sammelte ein Vielfalt an Informationen. Zurück in Europa gelangte sein Bericht nach einer einigermaßen verwickelten Editionsgeschichte in verbreiteten Umlauf und hatte großen Einfluss auf die Wissenschaften der europäischen Aufklärung und mangels neuer Informationen fast 100 Jahre lang auch auf die Wahrnehmung Japans in Europa. Spuren seines Berichts „Heutiges Japan“ finden sich u.a. bei Voltaire, Kant, Lessing und Swift.
Besonders die japanische Abschließungspolitik, die Kaempfer als Garant für die „Glükseligkeit“ des japanischen Volkes verteidigte, machte Karriere als Projektionsfläche: Im durch die Konfessionskriege zerrissenen Europa in ihrer Stabilität und Ordnung zunächst noch Vorbild, mit wachsendem europäischem (bürgerlichen) Selbstbewusstsein und Fortschritt gegen Ende des 18. Jahrhunderts dann Negativbeispiel für Despotie und Stillstand. Auch das bis heute nachwirkende Klischee vom nachahmenden Japaner stammt aus dieser Zeit: Trotz Kaempfers differenzierter ethnischer Beschreibung des japanischen Volks, will man im „aufgeklärten“ Europa, das sich China zeitweilig zu Vorbild genommen hat, von einer zweiten asiatischen „Hochkultur“ nichts wissen – Japan wird schnell zu einem Zweig der chinesischen Kultur degradiert, Gemeinsamkeiten als japanische „Nachahmungen“ der chinesischen Kultur interpretiert. Der von den Fortschritten der Außenwelt abgeschnittene Japaner kann nicht vorankommen, sondern sich seine Errungenschaften lediglich abschauen.

Besonders bemerkenswert fand ich die Tatsache, dass Kaempfers Informationen nur durch maßgebliche und recht gefahrvolle Hilfe seiner japanischen Kontakte (oder deren geflissentliches Wegschauen) zustande kam. Auch Japan interessierte sich nämlich für die europäischen Anschaungsobjekte auf Deshima: Die Zeit von Kaempfers Aufenthalt dort markiert den Beginn einer jahrzehntelangen, intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit europäischer Medizin, Technik und Pharmazeutik. Das Japan von den Entwicklungen der übrigen Welt „abgeschnitten“ sein sollte, erfuhr es erst im 19. Jahrhundert durch die japanische Übersetzung von Kaempfers Japanbericht.

Populärer könnte Engelbert Kaempfer heute vielleicht sein, hätte nicht Goethe dafür gesorgt, dass der Ginkgo-Baum u.a. dank der bedichteten Exemplare im Weimarer Ilmpark in Europa aus (geistes)geschichtlicher Perspektive zumeist mit ihm in Verbindung gebracht wird: Kaempfer war der erste, der eine detaillierte Beschreibung und Zeichnung dieses Baumes nach Europa gebracht hat – auf ihn geht auch der Schreibfehler zurück, der aus „Ginkjo“ „Ginkgo“ machte.

3. Januar 2012

Samuel Pepys’ Tagebücher: 1662 (Band 3)

2o. Mai 1662: Obwohl ich gegen jede Verschwendung bin, scheint es mir doch das Klügste, ein gewisses Maß an Vergnügungen jetzt zu genießen, wo wir gesund sind und das Geld haben, statt damit zu warten, bis wir zu alt oder zu arm sind.

In der Pepys’schen Seifenoper Tagebuch ist das Jahr 1662 bis jetzt das ereignisloseste – viel Arbeit, viele Pflichten und kaum  private Vergnügungen. Pepys zählt sein Geld und bedauert jede Ausgabe, freut sich dann doch an Spitzenhalstüchern und einer kurzfristig angestellten Gesellschafterin, ärgert sich über zu reichhaltige Mahlzeiten für seine Gäste und dann wieder über die schlechten Kochkünste seiner neuen, unerfahrenen Köchin: hin- und hergerissen zwischen beruflichem Ehrgeiz, Enthaltsamkeit und der Freude an den wenigen genussvolleren Musestunden. Das liest sich weniger unterhaltsam als die Ausschweifungen der ersten beiden Bände und ist wohl trotzdem ein wesentliches Element des „ganzen Bildes“.

Pepys’ Frau Elisabeth und ihre Wünsche und Ansprüche treten hier erstmals deutlicher ans Licht. Ihre Langeweile, ihre Mühe die ständig wechselnde und wachsende Dienerschaft zu dirigieren, der Ärger über die Unordnung der omnipräsenten Handwerker. Dann fällt auf, das hier zwei noch relativ junge Menschen (Elisabeth ist hier 22, Samuel 29 Jahre alt) nicht nur miteinander klarkommen müssen, sondern auch mit den sich rapide wandelnden Umständen einer zunehmend prominenteren Stellung in ihrer Gesellschaft und einem stetig wachsenden Haushalt. Dieser Einblick in private und häusliche Sphären war hier am spannendsten, die mal mehr mal weniger liebevolle Auseinandersetzung miteinander, die Mikromechanismen des Alltags dieser Zeit.

siehe auch: Band 1 (1660), Band 2 (1661)

30. November 2011

Samuel Pepys’ Tagebücher: 1661 (Band 2)

12. Juni 1661: Mittwoch. Halb Feiertag, halb Fastentag. Die Bischöfe hatten für heute einen Fastentag wegen des Regenwetters angesetzt, aber da es inzwischen schön geworden ist, ist für heute ein Dankfeiertag ausgerufen worden. Jetzt feiern sie beides.

Die englische Restauration von 1660/61 spült Pepys dank guter Verbindungen und einträglicher neuer Ämter in größere gesellschaftliche Gewässer. Der zweite Band der Tagebücher ist voll von Theaterbesuchen, Trinkgelagen und Berichten über Handwerkeraufträge, Gesangslehrer, Buchkäufe und anderen Neuanschaffungen. Im Dezember sitzen Pepys und seine Frau gar einem Porträtmaler Modell. Pepys ist hin- und hergerissen zwischen Freude über den Gewinn an Ansehen und Einkommen und Sorge darum, dass es ihm durch die Finger rinnt.
Passend dazu und ein paar Jahre bevor Isaac Newtons Apfel fällt diskutiert er mit Ralph Greatorex über die Tücken dieser „Mathematik“:

2. Juni 1661: Er erklärte mir die Hebelkräfte und wie die Hebel das, was sie an Kraft gewinnen, an Strecke verlieren.

Um dem entgegenzuwirken, fasst er mehrmals den Vorsatz der Abstinenz (von Theater und Alkohol), was ihm nur leidlich gelingt, allerdings auch nicht ernsthafte Gewissensbisse verschafft.
Sowieso ist das Theater mehr als die Aufführung eines Stückes: Schöne Frauen, den König und sein Gefolge zu beobachten, scheint ein ebenso gerechtfertigter Anlass zu sein.

28. Januar 1661: (…) von dort zum Theater, wo ich erneut „The Lost Lady“ sah, die mir jetzt besser gefällt als beim ersten Mal. Ich saß weit hinten, auf einem dunklen Platz, wo mir eine Dame aus Versehen in den Nacken spuckte. Sie hatte mich nicht bemerkt. Doch da es eine sehr hübsche Dame war, machte ich mir nichts daraus.

Interessant zu beobachten sind in diesem Band außerdem einige Stellen, an denen Pepys Spannung schafft: Oft erwähnt er, die letzten Tage seiner Aufzeichnungen soeben nachgetragen zu haben. Blättert man zurück, lesen sich die nachträglich festgehaltenen Tagesabläufe so, als wären sie umittelbar niedergeschrieben worden – also inklusive Irrtümern, sich lösenden Fragen, sich herumsprechenden Neuigkeiten, die in der Rückschau chrono-logisch eingefügt werden. Für den Leser entsteht das Gefühl „dabeigewesen“ zu sein, erst im Nachhinein entpuppt sich das als arrangierte Fiktion, die meiner Meinung nach über die bloße Wahrung der Kontinuität hinausgeht.
Bleibt die Frage, für wen es Pepys in seinem Tagebuch spannend macht – so völlig ohne Blick auf eine potentielle Leserschaft (wie z.B. oft in Rezensionen dargestellt) scheint mir das Projekt nicht angelegt gewesen zu sein.

siehe auch: Samuel Pepys’ Tagebücher: 1660 (Band 1)

17. November 2011

Ludwig Holberg: „Nils Klims unterirdische Reisen“

„Aber o Wunder! das weggeworfene Brödchen blieb nicht nur im Aether schweben, sondern fing auch an einen kleinen Zirkel um mich zu beschreiben. (…) Dies war denn Ursach, daß ich, der ich noch vor Kurzem über mich, als über ein Spielding des Glück geweint hatte, vor Stolz emporzuschwellen begann; ich war in meinen Augen nicht mehr ein blosser kahler Planet, sondern hatte auf ewige Zeiten einen Trabanten um mich, so daß ich gewissermaaßen unter die grössern Gestirne oder die Planeten der ersten Ordnung gerechnet werden konnte.“

Das um den durch einen mysteriösen Berg ins Innere einer hohlen Erde gefallenen Niels Klim zirkulierende Brötchen ist eine der ersten von vielen ironischen und amüsanten Kuriositäten, die der norwegisch-dänische Autor Ludwig Holberg seinem 1741 veröffentlichen Helden mit auf den Weg ins Unterirdische gibt. Ähnlich skurril geht es weiter: Baummenschen, bei denen geistige und sonstige Schnelligkeit ein Zeichen für Dummheit (weil zwangsläufige Oberflächlichkeit) ist bevölkern den Planeten Nazar, von dem aus Niels Klim nach unfreiwillig mehrjährigem Aufenthalt seine Reise in die umliegenden Wunderländer mit ihren noch wundersameren Bewohnern startet. Lebensformen, Gesellschaftsstrukturen, Religionen, Mentalitäten der unterschiedlichen Völker werden ausführlich beschrieben und Niels Klim verstrickt sich immer wieder in Missverständnissen und anderen Abenteuern – allen voran die Konfrontation mit seinen eigenen Schwächen.

Soweit so spätestens seit Swifts „Gulliver’s Travels“ (1726) bekannt. Der aufklärerische Duktus der Selbstbespiegelung im Utopischen sowie Fremden ist bei Ludwig Holbergs Geschichte jedoch weitaus durchdringender und vordergründiger, politisch motivierter. Gleichzeitig erschien mir die literarische Struktur, der Aufbau und die Konstruktion der Geschichte wesentlich kunstvoller und gelungener. Eine Mischung aus Reiseliteratur, Phantasma, utopischem Roman und früher Science Fiction – mit vielen lose miteinander verwobenen, gerade entstehenden Genremerkmalen wie sie nur das 18. Jahrhundert hervorgebracht hat.

Aus Angst vor der dänischen Zensur erschien der Roman zuerst in lateinischer Sprache und in Deutschland – wurde aber im selben Jahr noch in mehrere europäische Sprachen übersetzt und war ein großer Publikumserfolg. Noch Giacomo Casanova, Edgar Allan Poe und Mary Shelley beziehen sich innerhalb und außerhalb ihrer Werke auf „Niels Klim“. Danach scheint der Roman mehr oder weniger in Vergessenheit geraten zu sein. Faksimiles älterer Ausgaben (in relativ schwer zu lesender Fraktur) in deutscher Sprache sind momentan nur noch antiquarisch zu bekommen – darin enthalten dann allerdings auch die sehr schönen Originalillustrationen, wie hier zu sehen.

Zum Weiterlesen: Ein interessanter Artikel zur Theorie der hohlen Erde und ihre erste literarische Behandlung durch Holberg bei Public Domain Review und eine geglättete und auch optisch gut lesbare deutsche Übersetzung als pdf.

18. Oktober 2011

Samuel Pepys’ Tagebücher: 1660 (Band 1)

Im Zuge der letztjährigen Erstveröffentlichung einer vollständigen deutschen Übersetzung der Tagebücher von Samuel Pepys wurde viel Lobendes sowohl über Person, Tagebuch und Übersetzung desselben geschrieben (eine der wenigen differenzierteren Kritiken gabs bei der NZZ).

Zumindest letzterem kann ich mich nicht anschließen, auch wenn ich beim Lesen des ersten Bandes viel Freude hatte. Das liegt vor allem an dem nicht nur historisch sondern auch menschlich erstaunlichen Projekt Tagebuch. In einer Zeit, in der „Individualität“ offiziell noch nicht erfunden war, wurde hier über 10 Jahre hinweg Tag für Tag sehr subjektiv beobachtet, bewertet und dokumentiert. Daraus wird dann zum Einen eine hochspannende Quelle der Restaurationszeit in England (inkl. Pest und dem Großen Brand von London) aus nächster Nähe, zum Anderen ein persönliches Porträt, das so aus dieser Zeit sonst nicht existiert. Zeitgenössische Chronisten gab es zwar einige, allen voran John Evelyn, aber  Pepys’ Perspektive und Stil ist einzigartig. Doch auch ohne Wissen um und Bewusstsein für die historische oder literaturwissenschaftliche Tragweite kann die Begleitung des Londoner Alltags dieser Zeit sehr viel Spaß machen. Pepys’ sortierendes Beamtengemüt sorgt für eine sehr akribische Auflistung seiner täglichen Aktivitäten, deren monotonem Charme ich mich nach ein paar Tagebuchwochen nicht mehr entziehen wollte. Demgegenüber steht eine sympathische Lust an Sinnlichem – sei es Essen, Frauen, Theater oder Musik – und eine unbekümmert trockene Art, die diesbezüglichen Launen, Wünsche und Enttäuschungen schriftlich zu erfassen, die sehr unterhaltsam ist.

Die Ausschnitte zusammenstellenden Sammlungen, die ich im Laufe der letzten Jahre immer mal wieder gelesen hatte (empfehlenswert z.B. diese), repräsentieren diese Form sehr pointiert und das mag vielen Interessierten sicher reichen. Das vollständige Bild hat für mich dank der seit diesem September erhältlichen, erschwinglicheren Taschenbuchausgabe der letztjährigen Neuübersetzung allerdings großen Reiz, der hoffentlich noch ein paar Bände lang anhält.

Abgesehen vom großen Wurf einer kompletten Übersetzung ansich, lässt sich allerdings aus editorischer oder gar wissenschaftlicher Sicht nicht viel Gutes über diese Ausgabe sagen: Rudimentäre Kommentierungen vermitteln den Text vielleicht „volksnah“ und „unverkrampft“  – lassen aber auch die falschen Fragen offen. Das Personenverzeichnis im Begleitbuch ist hilfreich und löblich, die „Entschlüsslung erotischen Vokabulars“ eher peinlich (was gibts da zu entschlüsseln?), von einem Index wie er in wissenschaftlich orientierten Gesamtausgaben üblich ist, kann man nur träumen. Über die Übersetzungsprinzipien schweigt man sich gänzlich aus: sechs Übersetzter haben an der Übertragung mitgewirkt, übergroßen Respekt vor der Vorlage müssen sie sich nicht vorwerfen lassen. Der geglättete, vereinfachte Syntax trägt zwar sicher dazu bei, dass sich dieses Mammutwerk so gut und leicht lesen lässt – inkonsequente, ungenaue und teils plumpe Eindeutschungen englischer Ortsnamen, Titel und Institutionen und teilweise sachlich falsche Übersetzungen sind dagegen eher ärgerlich. Ein flüchtiger Vergleich mit dem englischen Original (z.B. hier) zeigt zudem, dass  vielfach erklärend in den Text eingegriffen wurde – ohne dies irgendwie kenntlich zu machen.

Schade um die verpasste Chance, hier etwas – über die gelungene optische Aufmachung und den Unterhaltungswert hinaus – wirklich Hochwertiges zu schaffen.

3. Oktober 2011

Elizabeth Bowen: „The House in Paris“

Here she had dropped down a well into something worse than the past in being not yet over.

„Vergangenheit, die noch nicht vorbei ist“ könnte eines der übergreifenden Themen in diesem 1935 erschienenen Roman sein: Zwei Generationen treffen sich für einen Tag in einem Haus in Paris, in dem die Vergangenheit einiger Figuren unübersehbar in die Gegenwart der anderen hineinragen, alte Knoten zwischenmenschlicher Verflechtungen werden (in einer das halbe Buch einnehmenden Rückblende)  aufgedröselt und ungelöst liegengelassen. Zum Ende der Geschichte sind viele weiser aber niemand schlauer.

Die konkrete Handlung schwankt zwischen psychologisierendem Realismus und Melodramatik. Viele Figuren, Dialoge und Handlungselemente scheinen seltsam überspannt und künstlich, die Konstruktion des Plots oft vordergründig konzeptuell. Trotz dieser abschreckend anmutenden Eindrücke haben mich Geschichte und Stil des Romans ähnlich fasziniert wie vor ein paar Jahren „The Death of the Heart“. Bowens Hauptinteresse scheint auch in diesem Roman wieder dem „Leben unter dem Deckel“ zu gelten und der Dynamik die um sich greift, wenn der Deckel gelüpft wird – und wieder geschlossen. Besonders der Blick für subtile Stimmungen, menschliche Interaktionen und ihre Motivierung, sowie die Art, diese oft mikroskopischen Details messerscharf und in originellen Bildern auf den Punkt zu bringen, lassen die Handlung und ihre grelleren Aspekte oft zur Nebensache werden. Die Figuren selbst sind mir eigentümlich fremd und unklar geblieben, ob nun beabsichtigt oder nicht: sie wirken eher wie austauschbare Spielfiguren auf einem ziemlich komplexen Spielfeld, das das eigentliche Zentrum des Interesses ist.

In „The Death of the Heart“ war es die 16-jährige Portia, hier sind es Henrietta und Leopold (10 und 11jährige Kinder), deren Innenansichten mehr Raum und Bedeutung gegeben wird, als in den meisten Geschichten über Erwachsene üblich. Hier hat mich die schriftstellerische Ambition zur genauen Beobachtung besonders beeindruckt. Trotz der überblickenden und „erwachsenen“ Perspektive, erscheinen die Gefühle und Gedanken der Kinder ernsthaft und authentisch in ihrem Egoismus, ihrer Sehnsucht nach Anerkennung und der archaischen Interaktion untereinander – nie als belächelt oder (ab)gewertet, sondern vielleicht eher als Vergrößerungsglas für die Welt der erwachsenen Protagonisten.

26. August 2011

Jane Austen: „Lady Susan“

… ist zwar eine alte Bekannte für mich, aber vorallem eine, die den Schattenplatz im Austen-Kanon nicht verdient hat. Zur Erklärung (auch meiner Begeisterung für diesen Briefroman) ein einleitender literaturgeschichtlicher Schnelldurchlauf:

Als Jane Austen 1817 starb, hatte sie mehr oder weniger anonym 4 Romane veröffentlicht, die mäßig kommerziell erfolgreich waren. Romane, die in der Regel für ein weibliches Publikum geschrieben wurden, hatten generell kein besonders hohes Ansehen und Romane von weiblichen Autoren noch weniger. So ist das höchste Lob zu dem sich die zeitgenössischen Rezensenten herabließen, das der „Unschädlichkeit“ für leicht zu beeindruckende und viel zu oft auf moralische Abwege verführte Gemüter. Austen selbst griff diese abschätzige Meinung über ein zu ihrer Zeit auch überaus progressives Genre u.a. in ihrer Satire „Northanger Abbey“ deutlich und selbstbewusst an, und verteidigte die von ihr gewählte literarische Form:

(…) there seems almost a general wish of decrying the capacity and undervaluing the labour of the novelist, and of slighting the performances which have only genius, wit, and taste to recommend them. (…) work in which the greatest powers of the mind are displayed, in which the most thorough knowledge of human nature, the happiest delineation of its varieties, the liveliest effusions of wit and humour, are conveyed to the world in the best-chosen language.

Zeitgenössische, wesentlich erfolgreichere Autorinnen wie Fanny Burney, Maria Edgeworth und Ann Radcliffe bemühten sich dementsprechend, ihre Werke weniger als „Roman“, denn als Beitrag zur detaillierten moralischen Bildung ihrer Leserinnen darzustellen – was wohl ein Grund dafür sein dürfte, dass diese Romane heute besonders für unakademisch motivierte Leser kaum noch erträglich sind.

Auch Austens zu Lebzeiten veröffentlichte Romane folgen äußerlich der konventionellen Struktur des „courtship plot“, der vorallem der Selbstvergewisserung und Propagierung der gesellschaftlichen Normen eines immer einflussreicheren Bürgertums diente. (Unnötig zu sagen, dass sie dieses Genre nicht nur ironisieren, sondern auch weit über sich hinaustragen – sprachlich wie inhaltlich.) Nach Austens Tod veröffentlichte ihr Bruder Henry zwei Manuskripte aus dem Nachlass, die oberflächlich gesehen diesem Muster folgen, unter neuem Titel: „Northanger Abbey“, ein frühes Jugendwerk und „Persuasion“, ein kurz vor ihrem Tod beendeter Roman. Die zum Großteil experimentellen und parodistischen Kurzgeschichten, zwei Romanfragmente und der Briefroman „Lady Susan“ blieben viele Jahrzehnte unveröffentlicht. Aus dieser Publikationsgeschichte ergibt sich der bis heute gültige Kanon der 6 Romane und der „unvollendeten (Jugend)Werke“. Zu diesem Bodensatz stößt man meist erst vor, wenn einem erstere nicht mehr reichen.

Die frühen Kurzgeschichten, in denen u.a. junge Mädchen mit Armeen durchs Land ziehen, unliebsame Mitmenschen aus dem Fenster werfen und ihre Eltern ermorden, wären wohl einen eigenen Artikel wert, aber auch „Lady Susan“ nimmt gegenüber den 6 „großen“ Romanen eine sehr interessante Position ein:

Die erste Assoziation die ich beim Lesen vor einigen Jahren hatte, war die zum Skandalroman „Les Liaisons Dangereuses“ von Choderlos de Laclos von 1782. Nicht nur die Form des Briefromans legt das nahe, sondern auch die durch und durch kaltblütige, berechnende und skrupellos egoistische Protagonistin. Hier wie da faszinierend ist, wie schwer es dem Leser fällt, eben dieses Verhalten zu verurteilen. Das Feuerwerk an Witz, Sprachgewandtheit, Energie und Aktivität liegen betont auf der Seite der intrigierenden Hauptfigur. Aufrichtigkeit und moralische Unverdorbenheit zwar auf der ihrer Opfer, aber die werden weder besonders unterhaltsam, noch besonders attraktiv dargestellt. Das narrative Mittel der Briefe erlaubt ein durch keinen Erzähler gefiltertes Gegenüberstellen dieser zwei Positionen – Lady Susan umgarnt so nicht nur ihre Opfer, sondern auch den Leser, der allerdings in keinem Zweifel über ihr wahres Gesicht gelassen wird. Und trotzdem kaum anders kann, als fasziniert zu sein von dieser Anti-Heldin, die anders als bei de Laclos für ihr moralisch verwerfliches Verhalten letztendlich nicht einmal bestraft wird.

I am my own self, gay and triumphant!

Was bei de Laclos noch als frivol-unterhaltsam (französisch!) durchgegangen sein mag, schien für eine kaum 20jährige, noch dazu unverheiratete Pfarrerstochter dann doch zuviel des Guten gewesen zu sein. Jedenfalls wundert es kaum, dass dieses Manuskript von der Austen-Verwandschaft unter den Tisch gefallen lassen wurde. Umso erstaunlicher, dass dieser Roman bis heute, wo  – zumindest in der englischsprachigen Kultur – kaum ein Austen’scher Stein unumgedreht gelassen wurde, so wenig Beachtung gefunden, ja nicht einmal den Status eines fertiggestellten Werkes erreicht hat. Wie „Northanger Abbey“ und „Persuasion“ war es als Reinschrift vorhanden, ist es als eines der wenigen erhaltenen Manuskripte heute noch zu sehen. Mag sein, dass man sich gern noch ein bißchen länger am zuerst von der Austenfamilie und seitdem immerwieder aufs Neue propagierten harmlosen Bild der „anständigen Dame“ Jane Austen wärmen will. Mit „Lady Susan“ würde es definitiv ungemütlich differenziert – aber auch um ein Vielfaches bunter.

„Lady Susan“ als eBook (englisch), empfehlenswert die deutsche Übersetzung von Christian Grawe (z.B. bei amazon) - wie man dort sieht, hält sich das Prädikat „unvollendet“ bis heute.

21. August 2011

Johann Gottfried Seume: „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802″

Was soll ich Laie im Heiligtum?

Der Fußgänger Johann Gottfried Seume wird im Bericht seines 9-monatigen „Spaziergangs“ nicht müde, sein Licht als Kunstkenner unter den Scheffel zu stellen. Gerade etabliert sich die klassische Italienreise als Kunstreise die dem Reisenden Horizonte öffnen soll, da trabt der Leipziger Seume an all den wichtigen und pittoresken Ruinen vorbei, um „am südlichen Ufer Siziliens etwas herumzuschlendern und Mandeln und Apfelsinen dort zu essen.“ Soviel Understatement lässt sich kaum durchhalten, und angesichts der Behauptung von all dem was andere wichtig finden, nichts zu verstehen, gibt es erstaunlich viel von eben dem: Besichtigungen antiker Überreste, Bergbesteigungen und mal nüchterne, mal bewegte, mal lakonische Beschreibungen davon. Alles aus einer betont subjektiven Perspektive, die allerdings das Wissen um das was weggelassen wird, voraussetzt.

Dieser doch leicht selbstgefällige Tonfall und die unermüdlich beschworene Underdog-Perspektive des Fußgängers, der auf die soziale Barriere einer Kutsche als Reisemittel verzichtet, den Einheimischen aber trotzdem haushoch überlegen sein will, wird spätestens bei der Ankunft in Syrakus etwas anstrengend – und da steht Seume und dem Leser der ungefähr gleich lange Rückweg noch bevor. Eine bevorstehende Prüfung zu Seumes Reisbericht half zumindest mir beim Durchhalten …

Sympathisch und unterhaltsam ist Seume dort, wo es um die Alltäglichkeiten des Fußreisens, seine persönlichen Beschwerlichkeiten geht. Wo die Reise zu einem tatsächlichen „Gang zu sich selbst“ wird, und nicht Projektionsfläche ist für politische, gesellschaftliche und historische Kritik.

27. Juni 2011

Karl Philipp Moritz: „Reisen eines Deutschen in England im Jahr 1782″

Die mittelmäßigste Gegend von denen die ich in England gesehen habe, würde in der unsrigen schon ein Paradieß ausmachen.

Miltons „Paradise Lost“ in der Tasche, wanderte Karl Philipp Moritz (der mir wenn nicht schon nach „Anton Reiser“, dann spätestens jetzt ans Herz gewachsen ist) im Sommer 1782 von London nach Derbyshire und zurück.

Ein eher ungewöhnliches Ziel in einer Epoche, in der Europas intelektuelle Elite nach Italien strömte um dort die Spuren der griechischen Antike zu suchen – und eine ebenso ungewöhnliche Art zu reisen. Ähnlich untypisch ist Moritz’ Art, von seinen Erlebnissen zu berichten. Zwar sind die Eindrücke den Konventionen entsprechend in mehr oder weniger authentischen Briefen an einen Freund verfasst, auch lässt Moritz es sich nicht nehmen, akribisch Kosten für Wirtshausbesuche aufzulisten und zumindest in London auch die üblichen Sehenswürdigkeiten zu beschreiben – beim Wandern jedoch gerät er ins Schwärmen und Philosophieren, die Erlebnisse in Gasthöfen und auf der Landstraße, Beobachtungen über Gewohn- und Eigenheiten dienen nur noch als Folie für eigene Gedanken und Empfindungen. Dieses Nebeneinander von schwärmerisch-innerlichem Naturerleben und dem Ärger über teures Bier und schlechten Kaffee liest sich sehr unterhaltsam, ist sehr sympathisch. Auch die sehr prägnant beschriebenen alltäglichen Gepflogenheiten des englischen 18. Jahrhunderts waren zumindest für mich äußerst spannend zu lesen.

Überhaupt ist es erstaunlich, dass Moritz die Begeisterung für England und seine landschaftlichen Schönheiten während seiner Reise nicht verlässt – fast überall wird er als Fußgänger sehr skeptisch beäugt und unfreundlich empfangen, wenn man ihm nicht gleich unverblümt das Nachtlager verweigert – als Fußgänger ist man in England ein dubioses „Wunderthier“. Seine Reisebeschreibung ist jedoch vielleicht auch deshalb sehr nah dran am aufklärerisch „Menschlichen“, man hat kaum das Gefühl, hier wurde mit kokettem Blick auf die lesende Nachwelt geschrieben (wie z.B. bei Goethes vergleichbarer „Italienischer Reise“) – Moritz ist ganz bei sich, und so ist es auch der Leser.

3. April 2011

„slipping into the ha-ha“

Fanny, feeling all this to be wrong, could not help making an effort to prevent it. „You will hurt yourself, Miss Bertram,“ she cried; „you will certainly hurt yourself against those spikes; you will tear your gown; you will be in danger of slipping into the ha-ha. You had better not go.“

(Jane Austen, „Mansfield Park“, Kapitel 10)

Der Nymphenburger Park in München hat einige der vergleichsweise wenigen Ha-Has außerhalb Englands (wo sie praktisch in jedem zwischen 1700 und 1800 angelegten Park vorkommen), und bei jeder Fahrt um die Schlossmauer denke ich an diese nicht nur gartenarchitektonisch interessante Stelle aus „Mansfield Park“. Ha-Has sollen die Illusion einer barrierefreien Landschaft ohne störende Zäune erwecken, sind aber so gebaut, dass man sie weder in die eine noch in die andere Richtung unfallfrei überwinden kann – um unliebsame Besucher draußen und die ornamentalen Wildtiere drinnen zu behalten.

Beim Besuch des Anwesens eines vorallem ökonomisch interessanten Junggesellen, streifen die jungen Protagonisten des Romans frei und unbeaufsichtigt durch den Park, was allerlei Anlaß für spätere Schatten vorauswerfendes „ungehöriges“ Betragen bietet. Nur ein verschlossenes, an ein Ha-Ha anschließendes Gittertor hält die oben angesprochene, zukünftige Ehebrecherin Miss Bertram kurzzeitig auf, mit ihrem Verehrer das Weite zu suchen, während ihr Verlobter auf der Suche nach dem Schlüssel ist.

In Jill Heydt-Stevensons „Austen’s Unbecoming Conjunctions“ ist diese Szene vorallem ein mit Bedeutung aufgeladenes Symbol für die vermeintlichen Freiheiten (bzw. die unsichtbaren Grenzen), die in diesem Fall die unverheiratete Frau in die Irre führen. Miss Bertram fällt in besagter Szene zwar noch nicht in die Grube, die auch sexuelle Anspielung könnte aber kaum expliziter sein:

The garden does allow Austen to explore courtship’s more physical aspect (…) and a ha-ha, designed to create the illusion of unbroken space while also serving the functional role of seperating animals from social spaces. (…) Austen’s humor in this section functioning as a heterodox activity that contests patriarchal expectations of female behavior (…) undermines those ideological foundations that disguise and romanticize oppression.

(S.149)

„Mansfield Park“ ist wohl wegen der vergleichsweise langweiligen und moralinsauren Heldin einer der unpopuläreren Romane Jane Austens – ich mag ihn vorallem wegen eben dieser Doppelbödigkeiten.

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