Dieser vom Autoren als “psychologisch” untertitelte Roman war die erste offizielle Studienlektüre dieses Semesters, auf die ich sonst so schnell wohl auch nicht gestoßen wäre. Zwischen 1785 und 1790 in mehreren Teilen erschienen, stellt er zumindest aus literaturwissenschaftlicher Sicht die erste komplette “Innenschau” eines Protagonisten dar. Wesentlich weniger selbstverliebt als die ein paar Jahrzehnte zuvor erschienenen Rousseau’schen “Bekenntnisse”, düsterer und drastischer in den Schilderungen der jugendlichen Abgründe. Ohne Selbstschonung und für die Zeit überraschend analytisch und ohne eindeutige Wertungen berichtet diese kaum verschleierte Autobiographie Moritz’ selbst von Fehltritten und Irrwegen, ihren Ursachen und Auswirkungen. Das Identifikationspotenzial bleibt zwar historisch bedingt sehr begrenzt – die beschriebenen Innenwelten, emotionalen Reflexe und Bedürfnisse sind jedoch in ihrem Kern wie so oft zeitlos und bieten genug Anknüpfpunkte um als Leser “dranzubleiben”.
Einzig der weinerliche und zur stetigen Selbstverdammung neigende Tonfall mag aus heutiger Sicht gewöhnungsbedürftig sein: In den ersten drei Teilen geht es unterbrochen von nur wenigen Hoffungsschimmern stetig bergab mit Anton Reiser, erst als er sich (im vierten Teil) einer Schauspieltruppe anschließt, scheint sich sein Leben und seine Gefühlswelt zum Besseren zu wenden. Der unvollendet gebliebene Roman lässt aber auch – unfreiwillig charakteristisch – diese Perspektive im Unklaren, deutet nur an, dass sich auch diese Hoffnung verlieren wird.
Karl Philipp Moritz gab u.a. mit seinem “Magazin zur Erfahrungsseelenkunde” wichtige Impulse zur entstehenden modernen Wissenschaft der Psychologie im 19. Jahrhundert.
