Im Zuge der letztjährigen Erstveröffentlichung einer vollständigen deutschen Übersetzung der Tagebücher von Samuel Pepys wurde viel Lobendes sowohl über Person, Tagebuch und Übersetzung desselben geschrieben (eine der wenigen differenzierteren Kritiken gabs bei der NZZ).
Zumindest letzterem kann ich mich nicht anschließen, auch wenn ich beim Lesen des ersten Bandes viel Freude hatte. Das liegt vor allem an dem nicht nur historisch sondern auch menschlich erstaunlichen Projekt Tagebuch. In einer Zeit, in der “Individualität” offiziell noch nicht erfunden war, wurde hier über 10 Jahre hinweg Tag für Tag sehr subjektiv beobachtet, bewertet und dokumentiert. Daraus wird dann zum Einen eine hochspannende Quelle der Restaurationszeit in England (inkl. Pest und dem Großen Brand von London) aus nächster Nähe, zum Anderen ein persönliches Porträt, das so aus dieser Zeit sonst nicht existiert. Zeitgenössische Chronisten gab es zwar einige, allen voran John Evelyn, aber Pepys’ Perspektive und Stil ist einzigartig. Doch auch ohne Wissen um und Bewusstsein für die historische oder literaturwissenschaftliche Tragweite kann die Begleitung des Londoner Alltags dieser Zeit sehr viel Spaß machen. Pepys’ sortierendes Beamtengemüt sorgt für eine sehr akribische Auflistung seiner täglichen Aktivitäten, deren monotonem Charme ich mich nach ein paar Tagebuchwochen nicht mehr entziehen wollte. Demgegenüber steht eine sympathische Lust an Sinnlichem – sei es Essen, Frauen, Theater oder Musik – und eine unbekümmert trockene Art, die diesbezüglichen Launen, Wünsche und Enttäuschungen schriftlich zu erfassen, die sehr unterhaltsam ist.
Die Ausschnitte zusammenstellenden Sammlungen, die ich im Laufe der letzten Jahre immer mal wieder gelesen hatte (empfehlenswert z.B. diese), repräsentieren diese Form sehr pointiert und das mag vielen Interessierten sicher reichen. Das vollständige Bild hat für mich dank der seit diesem September erhältlichen, erschwinglicheren Taschenbuchausgabe der letztjährigen Neuübersetzung allerdings großen Reiz, der hoffentlich noch ein paar Bände lang anhält.
Abgesehen vom großen Wurf einer kompletten Übersetzung ansich, lässt sich allerdings aus editorischer oder gar wissenschaftlicher Sicht nicht viel Gutes über diese Ausgabe sagen: Rudimentäre Kommentierungen vermitteln den Text vielleicht “volksnah” und “unverkrampft” – lassen aber auch die falschen Fragen offen. Das Personenverzeichnis im Begleitbuch ist hilfreich und löblich, die “Entschlüsslung erotischen Vokabulars” eher peinlich (was gibts da zu entschlüsseln?), von einem Index wie er in wissenschaftlich orientierten Gesamtausgaben üblich ist, kann man nur träumen. Über die Übersetzungsprinzipien schweigt man sich gänzlich aus: sechs Übersetzter haben an der Übertragung mitgewirkt, übergroßen Respekt vor der Vorlage müssen sie sich nicht vorwerfen lassen. Der geglättete, vereinfachte Syntax trägt zwar sicher dazu bei, dass sich dieses Mammutwerk so gut und leicht lesen lässt – inkonsequente, ungenaue und teils plumpe Eindeutschungen englischer Ortsnamen, Titel und Institutionen und teilweise sachlich falsche Übersetzungen sind dagegen eher ärgerlich. Ein flüchtiger Vergleich mit dem englischen Original (z.B. hier) zeigt zudem, dass vielfach erklärend in den Text eingegriffen wurde – ohne dies irgendwie kenntlich zu machen.
Schade um die verpasste Chance, hier etwas – über die gelungene optische Aufmachung und den Unterhaltungswert hinaus – wirklich Hochwertiges zu schaffen.
