12. Juni 1661: Mittwoch. Halb Feiertag, halb Fastentag. Die Bischöfe hatten für heute einen Fastentag wegen des Regenwetters angesetzt, aber da es inzwischen schön geworden ist, ist für heute ein Dankfeiertag ausgerufen worden. Jetzt feiern sie beides.
Die englische Restauration von 1660/61 spült Pepys dank guter Verbindungen und einträglicher neuer Ämter in größere gesellschaftliche Gewässer. Der zweite Band der Tagebücher ist voll von Theaterbesuchen, Trinkgelagen und Berichten über Handwerkeraufträge, Gesangslehrer, Buchkäufe und anderen Neuanschaffungen. Im Dezember sitzen Pepys und seine Frau gar einem Porträtmaler Modell. Pepys ist hin- und hergerissen zwischen Freude über den Gewinn an Ansehen und Einkommen und Sorge darum, dass es ihm durch die Finger rinnt.
Passend dazu und ein paar Jahre bevor Isaac Newtons Apfel fällt diskutiert er mit Ralph Greatorex über die Tücken dieser “Mathematik”:
2. Juni 1661: Er erklärte mir die Hebelkräfte und wie die Hebel das, was sie an Kraft gewinnen, an Strecke verlieren.
Um dem entgegenzuwirken, fasst er mehrmals den Vorsatz der Abstinenz (von Theater und Alkohol), was ihm nur leidlich gelingt, allerdings auch nicht ernsthafte Gewissensbisse verschafft.
Sowieso ist das Theater mehr als die Aufführung eines Stückes: Schöne Frauen, den König und sein Gefolge zu beobachten, scheint ein ebenso gerechtfertigter Anlass zu sein.
28. Januar 1661: (…) von dort zum Theater, wo ich erneut “The Lost Lady” sah, die mir jetzt besser gefällt als beim ersten Mal. Ich saß weit hinten, auf einem dunklen Platz, wo mir eine Dame aus Versehen in den Nacken spuckte. Sie hatte mich nicht bemerkt. Doch da es eine sehr hübsche Dame war, machte ich mir nichts daraus.
Interessant zu beobachten sind in diesem Band außerdem einige Stellen, an denen Pepys Spannung schafft: Oft erwähnt er, die letzten Tage seiner Aufzeichnungen soeben nachgetragen zu haben. Blättert man zurück, lesen sich die nachträglich festgehaltenen Tagesabläufe so, als wären sie umittelbar niedergeschrieben worden – also inklusive Irrtümern, sich lösenden Fragen, sich herumsprechenden Neuigkeiten, die in der Rückschau chrono-logisch eingefügt werden. Für den Leser entsteht das Gefühl “dabeigewesen” zu sein, erst im Nachhinein entpuppt sich das als arrangierte Fiktion, die meiner Meinung nach über die bloße Wahrung der Kontinuität hinausgeht.
Bleibt die Frage, für wen es Pepys in seinem Tagebuch spannend macht – so völlig ohne Blick auf eine potentielle Leserschaft (wie z.B. oft in Rezensionen dargestellt) scheint mir das Projekt nicht angelegt gewesen zu sein.
siehe auch: Samuel Pepys’ Tagebücher: 1660 (Band 1)
